ÜBER MENSCHEN, DIE IHR WISSEN ALS ALLGEMEIN VORAUSSETZBAR ERACHTEN
Selten steht vor der Entstehung eines Textes der Titel fest, es sei denn, ich halte als Überschrift eine Nennung des Themas für ausreichend. Dann greife ich gern auf Eines des Wenigen zurück, was mir erhalten blieb vom Versuch der Lehrer des Ludwig-Georg-Gymnasiums, Darmstadt, mich in den 70er Jahren humanistisch zu bilden: Auch Denker, Gelehrte und Politiker des römischen Reiches überschrieben die Schriften ihrer Erlebnisse und Erkenntnisse unprätentiös mit dem Thema. So hiess das bekanntestes Werk Caesars nicht: Die glorreichen Feldzüge des römischen Heeres gegen die Gallier in acht Bänden, sondern knapp und deutlich: De bello gallico; zu deutsch: Über den gallischen Krieg. Das finde ich bis heute beispielhaft, und nehme es gerne zum Vorbild. Da ich mich jedoch weder als Politiker noch als Gelehrter empfinde, behalte ich es mir vor, genauso gut prätentiöse Titel zu wählen, wenn ich es für angebracht halte, einen Text also auch mal Die drahthaarige Monsterratte, die mir jede Nacht zähnefletschend vor der Garage auflauert zu betiteln, und nicht: Über den Hund meines Nachbarn.
Ansonsten hatte der Versuch, eine humanistische Bildung bei mir zu landen, lediglich die Konsequenz, dass mir seitdem die breit angebetete "Allgemeinbildung" zutiefst suspekt erscheint. In diesen Jahren erregte sich eine Mutter in meiner Anwesenheit über die Unfähigkeit ihrer Tochter, die chinesi- schen Dynastien fehlerfrei chronologisch aufzuzählen. Als ich mich als dazu gleichsam unfähig outete, erregte sich die Mutter fortan über mich. Für das Mädchen habe ich das gerne getan. Ich selbst aber zitterte noch lange Jahre, diese Bildungslücke könne mich mit noch heftigeren Konsequenzen strafen. Doch das blieb aus. Kam ein Gespräch ins Stocken, lag es an Verschiedenem, nie jedoch an meinen fehlenden Kenntnissen über die Chronologie chinesischer Dynastien. So blieb mir als Sinn der "Allgemeinbildung" nur haften, die Erbosung erregter Mütter zu besänftigen. Da ich mir als Lebensinhalt jedoch auch noch etwas anderes wünschte, ersetzte ich auf meiner individuellen Wertetabelle "Allgemeinbildung" durch "Allgemeininteresse". So weiß ich manches von Vielem, von Einigem mehr, aber wie jeder von nichts Alles.
Wie halten wir ein Gespräch im Fluss? Durch gegenseitiges Geben und Annehmen, durch sagen und sich sagen lassen. Und wie bringt der Tölpel den Redefluss zum Versiegen? Nicht durch Wissenslücken hier oder dort, sondern durch deren unbedachte und penetrante Proklamation, im Stil von: Wie? Du kennst Friedlar nicht?
Auch wenn er Recht hatte, der Tölpel: Ich kannte Friedlar nicht. Und durch das fortgesetzte Geblöke, dass ich, wie?, also wirklich Friedlar nicht kenne!, schlief ein gerade sanft erwecktes Interesse an Friedlar auf der Stelle auch schon wieder ein. Gewöhnlich hätte mich eine Initialdosis Neugier gedrängt, rasch mehr zu erfahren, um wen oder was es sich denn nun handele: Um einen besuchenswerten Ort? Um eine Käse- spezialität oder einen verehrenswerten Kollegen vielleicht? Für den letzten Fall habe ich sogar vor Jahren schon ein weiteres Lexikon in mein bereits durchhängendes Lexikaregal gestellt. Und da steht es immer noch, und das, obwohl ich darin bereits mehrmals auf Kollegen stiess, deren Erwähnenswertheit ich zumindest kurz diskutiert haben wollte. Wie? Du kennst Friedlar nicht?
Ich bewundere Menschen, die nicht müde werden, jeglichem Kapitel ihrer Interessen nach zu jagen. Wenn man das Goldene Kalb "Allgemeinwissen" aber durch "Allgemeininteresse" ersetzt hat, kommt man schnell ins Schleudern. Zu gerne wäre ich bestens und ständig aktuell informiert über (Auszug):
- sämtliche herausragenden Musiker, allen voran die Gitarristen, und ihre klangschönsten Gitarren, aber auch, was an den Pianos der Welt geschieht, an den Klarinetten, Kontrabässen, Saxophonen, Harfen, Oboen, Celli, Violinen und Violas; was von Sängerinnen zu hören ist, an Jazz, an Pop und Klassik, ja, auch von Sängern.
- alles über die guten, feinen Schriftsteller will ich wissen, deren Lebensgeschichten und die wichtigsten Publikationen. Wie sie leben/lebten, arbeiten/-teten, und welche Autos sie fa/uhren.
- von Textdichterkollegen will ich hören, nicht nur von den besten, die ich bereits kenne, nein, von weiteren besten will ich erfahren, deren tollste Songs plus Interpret und höchster Chartsplatzierung, und wie sie ... (s. Schrift- steller)
- von Komponisten ... (wie oben)
- warum so speziell: Menschen allgemein interessieren mich, zumindest die interessanten, also fast alle, und wie sie alle ... (s.o.)
- Elefanten z.B. interessieren mich auch, mindestens wie Menschen und Textdichter und diese Leute.
- Dann interessiert mich gutes Essen. Und ein guter Wein verleitet mich, mehr über Rebe und Anbaugebiet in Erfahrung zu bringen.
- von schönen Autos will ich erfahren, die wesentlichen Modellserien, die Biographien ihre Entwickler und Designer, und wie sie ... (s. Schriftsteller, Elefanten etc etc)
Wie vorangestellt: Ein Auszug, ein kleiner Teil meiner Interessen. Ich befinde mich also im Grunde in einem Zustand permanenter Vernachlässigung meiner Herzensneigungen. Doch käme ich bei dessen Behebung vor lauter Informations- verarbeitung wohl nicht mehr zum Gitarre spielen, Musik hören, schreiben, über Elefanten lesen, essen, trinken und Autos kaufen. Geschweige denn zum Küssen und zum Lieben.
Apropos: Ich habe einmal eine sehr leidenschaftliche LKW-Fahrerin kennen gelernt. Und ich erfuhr von ihr, dass es auch sehr leidenschaftliche LKW-Fahrer gibt, auch sehr viele. Doch bin ich mir sicher, dass keiner von ihnen um alle herausragenden LKW-Fahrer seit Erfindung des LKW-Fahrens weiss. Wer nennt heute noch den Helden beim Namen, der sein Gespann mit versagten Bremsen in einen kleinen Supermarkt lenkte, so selbst zu Tode kam, aber fussballspielende Kinder damit rettete, weil deren Wiese den einzig alternativen Bremsweg dargestellt hätte? Eine Tat, die im Sinne der Arterhaltung merkenswerter ist, als die schönste Satirelesung oder jede feine Jazz-CD. Geschweige denn, die chinesischen Dynastien und wer oder was Friedlar ist, was ich - wie?, ja! - tatsächlich immer noch nicht weiß. Und doch gibt es meines Wissens kein Lexikon heldenhafter LKW-Fahrer; und sollte ich mich irren, bitte ich den Herausgeber dies als verbindliche Bestellung zu betrachten.
Elefanten sollten uns Vorbild sein. In Elefantenkreisen ist solch ein Verhalten nicht zu beobachten. Dort gebietet die Arterhaltung, dass der kräftige Bulle privilegiert wird, der mit Macht und Großmut die Herde schützt. Nicht der, der Giraffendynastien aufzuzählen versteht oder auf seinem Rüssel toll über "Lullaby of Birdland" improvisiert. Oder allabend- lich mit satirischen Stilmitteln Herdenkritik betreibt. Und der Artgenosse, der nur ein paar hohle Witze über die Geschlechtsteile der Elefantenkühe auf Lager hätte, würde zu aller erst zum Teufel gejagt, mit den bekannten Drohgebärden wie das wilde Ohrenschlackern oder das wüste Trompeten, welches nun nicht das Geringste mit "Lullaby of Birdland" zu tun haben würde.
Wir vergessen LKW-Helden, die in den Tod fahren, um unsere Kinder zu schonen. Die Kinder spielten Fuball. Und sie spielen immer noch Fussball. Und ob sie je die Chronologie chinesi- scher Dynastien beherrschen - herrje: Wen kümmert´s denn?
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Dieser Eintrag ist vom 10.03.2008 und gehört zu: Bilder, Über Menschen ...
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von Stu Savory