Das Resümee: Über Menschen, die ihre Arbeit nicht fertig machen
In 200.000 Jahren, sagen wir abends gegen halb Acht, passiert es vielleicht doch einmal: Die Arbeit ist getan, alles fertig. Kein Baby plärrt mehr und alle Teller und Tassen stehen sauber im Schrank. Hunger haben wir auch nicht, wie gesagt: Halb Acht ist es, und das Abendessen war wieder reichhaltig. Auch wartet niemand auf einen Rückruf, und die Garagen sind aufgeräumt und sauber gekehrt. Die Leitartikler haben ihre Leitartikel zu Ende geschrieben. Kein Zug entgleist und die Sanitäter spielen Schach.Auch Mann und Frau stehen sich in der Küche gegenüber, und schauen dann doch ein wenig entsetzt. Er legt den Spülschwamm weg, sie das Trockentuch: Die Arbeit ist getan. Was nun? Noch ein bisschen Unkraut jäten? Ist bereits letzte Woche passiert. Witwe Wöhlert mal wieder anrufen? Klang schon Neujahr nicht sehr begeistert. Den Pudel bürsten? War doch heute früh erst beim Friseur.
Es gibt nichts mehr zu tun und wer bislang nicht gelernt hat, nutzlos zu sein, der hat jetzt ein Problem. Hätte er nur ein bisschen voraus gedacht, vorgesorgt, und sich ab und an etwas Arbeit liegen gelassen, für schlechtere Zeiten! Jetzt ist es soweit, das Horrorszenario des Workoholics: Müßiggang epidemischen Ausmaßes; es gibt nichts mehr zu tun.
Menschen, die ihre Arbeit hin und wieder nicht ganz fertig machen, sind die eigentlichen Visionäre. Aber noch sind sie die Outlaws einer Spezies, die sich im Gros durch ihr Tun definiert, und nicht durch ihr Sein. Noch tun sie arbeitsam, solange Volk vorbei geht und schaut. Sie wollen nicht auffallen und spähen erst sorgsam und verhuscht nach links und rechts, bevor sie hinwerfen. Doch ihre Spuren sind überall: Ungewürzte Speisen, unvollendete Schriften und Gesänge, nicht fertig erzogene Kinder.
Aber was spornte sie an, liegen zu lassen? Rief das Geläut zum Abendgebet? Rief die Liebe ins Bett? Oder doch, was wir ignorieren: Die schleichende Schwere in Muskelbau und Kopf, und reflexhaft folgend der Gedanke: "Jetzt mach´ ich mal Feierabend ..."
Sie leben im Heimlichen, machen nur heimlich die Arbeit nicht fertig, meiden die Menschen, um dem vermaledeiten Volksmund zu entkommen und seiner ewigen Mahnung: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe NICHT AUF MORGEN!; um nicht zu hören den diffamierenden Gesang: Wer nur den lieben, langen Tag ohne Plag´, ohne Arbeit vertändelt, wer das mag, DER GEHÖRT NICHT ZU UNS!
Sie leben im Schatten, diese Menschen, die ihre Arbeit nicht fertig machen, sind aber von allen der Erleuchtung am nächsten: Wer seine Arbeit nicht fertig macht, den macht auch die Arbeit nicht fertig.
Ich bin noch nicht so weit, mir fehlt ein Quäntchen an Weisheit. Immer öfter gelingt es mir zwar, die letzten Sätze des Tages zu verweigern, das Telefon klingeln zu lassen in Gottes Namen, Staub und Laub liegen zu lassen in der Garage und die Kinder vor dem Fernseher, ja, mich daneben zu legen und meinen Schweinehund zu streicheln. Doch immer wieder versage ich noch, wie ich auch jetzt zweifle: Schaffe ich es wieder nicht, auf morgen zu verschieben? Die letzten Stunden ohne Plag´ zu vertändeln und entspannt nicht zu "uns" zu gehören?
Nein, Du siehst die Küche sauber, die Kinder im Bett, die Liebe zufrieden, und diesen Text beendet.
Schönen Feierabend.
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Dieser Eintrag ist vom 08.02.2008 und gehört zu: Arbeit, nicht fertig gemachte ...
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"... ja, mich daneben zu legen und meinen Schweinehund zu streicheln ..."
Was für ein wundervoller Satz in einem einmal mehr wundervollen Text.
von Markus Freise
Ein genialer Text über ein bedeutsames Sujet, aber leider nicht fertig gemacht.
Wo fehlt noch der ein oder andere Buchstabe? Wo gehören welche getilgt?
"um dem vermaledeiten Volksmundes zu entkommen und seiner ewige Mahnung:"
von Halbzeugwart