SPERRT ONKEL TAN EIN BEI WASSER UND TWIX
Veränderungen passieren minütlich, alles ist im Fluss. Informiert werden wir nicht mehr. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie erfuhren, dass Raider jetzt Twix heisst? Alle waren sehr aufgewühlt ob dieser Ungeheuerlichkeit. Kabarettisten änderten nachts in Hotelzimmern ihre Bühnenprogramme, um diese bewegte Zeit mit einer guten Pointe zu kommentieren. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil ich mich persönlich gar nicht betroffen fühlte.
Alles war im Fluss, ich begrüsste Veränderungen. Meine Liebste hiess nicht mehr Susanne, sondern Nadja. Warum sollte also Raider jetzt nicht Twix heissen? Ich nahm es zur Kenntnis. Käme es hier noch einmal zu einer Verwechslung, hätte es sicher keine schlimme Folgen. Im Gegensatz zu Nadja, die eine Sonntagsmorgensnummer plötzlich abbrach, nur weil ich sie Susanne genannt hatte.
Erstaunlich und dankenswert war der Aufwand, mit dem wir damals informiert wurden. Plakate, Fernsehspots, Radiowerbung, Kinotrailer: Die MARS INC. muss es Millionen gekostet haben. Nur was sie zu diesem Namenswechsel bewog, fiel mir auf: Das wurde verschwiegen.
Nachdem Firmengründer Franklin Clarence Mars seinen leckersten Schokoriegel nach sich selbst benannt hatte, versaute er seinem Sohn die Chance, seinen Namen ebenso für die Ewigkeit in Schokolade zu meißeln, indem er ihn Forrest nannte; als Name bestenfalls geeignet für die von ihm nebenbei auch ausgelöste Karies-Pandemie. So benannte Forrest Edward Mars Mitte der Siebziger die neueste Riegelkreation nach seinem Lieblingsonkel Edward Raider Mars. Bis sich Ende der Achtziger herausstellte, das Onkel Edward seinen Schokoriegel in erster Linie dazu nutzte, kleine Jungs rumzukriegen, ihm in die Gartenhütte zu folgen. Das nennt man ein „negatives Produkt-Image“. Und damit sich das nicht verbreitete, nannte man das Naschwerk um, um die Assoziationskette zu durchbrechen: Raider = guter Onkel = böser Onkel = Verstopfung + Popoweh. Und Onkel Edward sperrte man vorsorglich in der Gartenhütte ein, bis Gras über ihn gewachsen war. So ungefähr stellte ich mir das vor.
Eine nichtwiderlegte These ist zwar immer noch keine bestätigte These, doch nimmt mich Wunder, dass sich am offiziell genannten Grund fünfzehn Jahre lang offenbar niemand gestört hatte: „Raider“ ist im Englischen das Wort für Plünderer und Räuber. Man fürchtete eine global unsympathische Konnotation.
Namensänderungen passieren inzwischen minütlich, informiert wird darüber nicht. Mein Zugangscode heisst manchmal Passwort, begegnet mir beim Online-Banking aber auch als Legitimations-ID, früher auch VR-Kennung und heisst in der Schweiz E-Financenummer. Mein Benutzername, also mein Mitgliedsname, also mein Username, also mein User-Login ist meine Kontonummer, nein, meine Kundennummer, nein, einfach irgendeine Nummer. Manchmal auch nichts von alldem, sondern eine Mixtur aus dem Namen meines ersten Haustieres und Susannes Telefonnummer; oder war es Nadjas?
Eine PIN wird verlangt, dann eine TAN. Mein Handy will dafür aber erst einen Code, und als ich zurückfrage, welchen, erscheint eine kleine Rauchwolke auf dem Display und der SMS-Dienst schmauchelt ab. Seitdem funktionieren nur noch Fotoapparat und mp3-Player, und ich weiss bis heute nicht, ob es um meine VR-Kennung ging oder um die Telefonnummer von meinem ersten Haustier.
Die globalen Konnotationen kümmert indes niemanden mehr. TAN bezeichnet im Chinesischen alles gierige, gefrässige, passend also zum Bankwesen, aber auch nicht gerade sympathisch. Zudem ist es in der asiatischen Medizin das Wort für Phlegma und Schleim, was mich an einige meiner Anlageberater erinnert. PIN bezeichnet im Chinesischen alles Armselige, Schlechte oder auch Weibliche. Im Amerikanischen wird damit der Stift, der Bolzen oder der Dorn benannt. Forrest Edward Mars hätte also auch auf PIN umsteigen können für alles, was Onkel Raider den Kleinen in den Mund gesteckt hatte. Und stattdessen Onkel Tan einsperren können bei Wasser und Twix.
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